Zwischen Vollgas und Volltreffer: Der 3. M4Energy City Biathlon macht Dresden zur Wintersport-Hochburg
Dresden. Der Schuss fällt, für einen Herzschlag herrscht gespannte Stille. Dann rattern die Skiroller wieder über den Asphalt und die Jagd beginnt von vorn. Biathlon lebt vom Kontrast zwischen höchstem Tempo und absoluter Ruhe. Am 23. August 2026 brachte die dritte Auflage des M4Energy City Biathlon genau dieses Wechselspiel zurück nach Dresden. Rund 4.050 Zuschauer erlebten im Heinz-Steyer-Stadion bei angenehmen 20 Grad ein hochkarätiges Starterfeld mit Olympiasiegern, Weltmeistern und Weltcupgrößen. Am Ende durfte Lokalmatador Justus Strelow bei den Männern jubeln, während Tereza Vobornikova aus Tschechien das Rennen der Frauen für sich entschied. In diesem Jahr gab es zwei Neuerungen: Erstmals wurde die rund 2,3 Kilometer lange Strecke im Uhrzeigersinn absolviert. Dadurch lag die breitere Passage am Ende der Runde und bot mehr Raum für Attacken und Überholmanöver. Auch nach Fehlschüssen änderte sich der Ablauf: Statt in die bisherige Penalty-Box musste für jede verfehlte Scheibe eine kleine Strafrunde im Stadion gedreht werden. Doch die dritte Auflage lebte längst nicht allein von ihren beiden Hauptrennen. Bei der Sparkassen Youngster Team Challenge präsentierte sich die Weltelite von morgen, während das Para-Biathlon-Rennen erneut zeigte, wie selbstverständlich Spitzensport und Inklusion zusammengehören. „Man sagt ja: Wenn etwas dreimal stattfindet, dann ist es Tradition. Und genau deswegen hat der Stadtrat auch beschlossen, dass es auch in den nächsten zwei Jahren den City Biathlon hier in Dresden geben wird. Man sieht die wunderbare Stimmung im Stadion und an der Strecke. Biathlon ist eine Sportart, die wir Deutschen lieben und wo wir in der Vergangenheit tolle Erfolge feiern konnten. Und wir hoffen mit Dresden, dass wir den Nachwuchs wieder für diesen tollen Sport begeistern können“, sagte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert.
Herren: Strelow krönt sein Heimspiel
Was für ein Finale – und was für ein Sieg für Justus Strelow. Ausgerechnet der Lokalmatador sorgte für den ersten deutschen Erfolg in Dresden. Der Sachse aus Dippoldiswalde ging nach einer fehlerfreien letzten Schießeinlage als Führender auf die Schlussrunde. Dann hieß es: noch einmal alles geben. Hinter ihm jagten Éric Perrot und Lukas Hofer, vor ihm wartete die lange Zielgerade im Heinz-Steyer-Stadion. Und von den Rängen kam mächtig Schub: „Justus, Justus“, hallte es durch das Rund. Strelow hielt dagegen und überquerte als Erster die Ziellinie – drei Sekunden vor dem Vorjahressieger Perrot. „Ich habe heute viele Dinge umsetzen können, gerade was das Stehendschießen betrifft. Deswegen war das ein schöner Tag, der sehr viel Selbstvertrauen gibt. Auf der Strecke war es phänomenal. Die Fans sind ganz dicht dran und auch die Strecke war voll. Es macht sehr viel Spaß, hier zu laufen. Ich glaube, ich habe an einem Tag noch nie so oft meinen Namen gehört. Sei es bei den Autogrammstunden oder jetzt auch an der Strecke“, meinte Strelow nach seinem Heimsieg. Für den 29-Jährigen dürfte dieser Erfolg ein besonderer gewesen sein, stand er praktisch vor der eigenen Haustür ganz oben auf dem Podest. Éric Perrot rettete Rang zwei mit gerade einmal einer halben Sekunde Vorsprung vor dem Südtiroler Lukas Hofer. Für den Franzosen war das beinahe eine kleine Auferstehung innerhalb weniger Stunden. In der Qualifikation holte sich der Gesamtweltcupsieger noch die rote Laterne. Im Finale meldete er sich eindrucksvoll zurück. Auch Lukas Hofer mischte bis zum Schluss im Kampf um die Spitze mit. Der 36-jährige Routinier sicherte sich Rang drei und verwies Philipp Horn auf den undankbaren vierten Platz. Und das starke Abschneiden der DSV- Athleten ging weiter: Philipp Nawrath kam als Fünfter ins Ziel – trotz sieben Patzer am Schießstand. Drei Deutsche unter den ersten Fünf machten das Herrenfinale aus nationaler Sicht zu einem besonderen Rennen. Erst dahinter folgte Martin Ponsiluoma. Der laufstarke Schwede, in Antholz Olympiasieger in der Verfolgung, musste sich nach fünf Schießfehlern mit Rang sechs begnügen. Vitezslav Hornig aus Tschechien machte es am Schießstand deutlich besser: Nur eine Scheibe blieb stehen, am Ende bedeutete das Platz sieben. Jakov Fak überquerte als Achter die Ziellinie – der slowenische Routinier gewann 2024 noch die Premiere des City Biathlons in Dresden. Vitalii Mandzyn aus der Ukraine folgte als Neunter. Einen gebrauchten Tag erwischte Sturla Holm Lægreid, der bei den Olympischen Spielen in diesem Jahr in allen vier Einzelrennen auf dem Podium stand. Der Norweger kam zwar nicht über Rang zehn hinaus, machte aus seiner aussichtslosen Position aber das Beste – und eroberte stattdessen die Herzen der Fans.
Frauen: Vobornikova kennt kein Daneben
Tereza Vobornikova ließ sich den Sieg nicht mehr nehmen. Nach vier fehlerfreien Schießeinlagen brachte die Tschechin einen Vorsprung von 12,2 Sekunden ins Ziel und durfte im Heinz-Steyer-Stadion als Erste jubeln. Damit setzte die 26-Jährige ein weiteres dickes Ausrufezeichen. Erst wenige Monate zuvor gewann sie bei den Olympischen Winterspielen in Antholz die Bronzemedaille im Massenstart. Nun folgte der Triumph mitten im Dresdner Sommer. Dahinter wurde es richtig eng: Anna Gandler behauptete sich im Kampf um Rang zwei. So ließ die Tirolerin im Finale einige der größten Namen des internationalen Biathlons hinter sich. Zu den Geschlagenen gehörte ausgerechnet Lisa Vittozzi auf Position drei. Denn eigentlich scheint die Italienerin wie gemacht für Innenstadt-Wettkämpfe. Dreimal trat sie bislang beim City Biathlon an, dreimal gewann sie – zuletzt im vergangenen Jahr in Dresden. Auch diesmal stellt sie mit dem Sieg in der Qualifikation zunächst ihre Klasse unter Beweis. Im Finale aber riss die Serie. Dennoch fügte Vittozzi einer eindrucksvollen Saison einen weiteren Podestplatz hinzu. Aus Antholz brachte sie Gold in der Verfolgung und Silber mit der Mixed-Staffel mit. Und beinahe hätte es für einen deutschen Platz auf dem Treppchen gereicht. Janina Hettich-Walz rückte Vittozzi noch einmal gefährlich nahe, am Ende fehlten ihr aber doch 10,8 Sekunden auf Rang drei. „Ich war noch nie hier und war sehr positiv überrascht. Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht. Mein Rennen war nicht ganz top, da war noch Luft nach oben. Ich möchte mein Stehendschießen stabilisieren. Heute gab es eine gute Serie, dann eine schlechte Serie. Hier muss mehr Kontinuität rein“, meinte die dreifache WM-Medaillengewinnerin Hettich-Walz, hinter der Anna Magnusson als Fünfte folgte. Auch die Schwedin weiß, wie sich Edelmetall anfühlt: Sowohl 2018 als auch 2026 gewann sie bei den Olympischen Spielen Silber. Justine Braisaz-Bouchet erwischte am Schießstand keinen guten Tag. Fünf Fehler kosteten die frühere französische Olympiasiegerin wertvolle Zeit und ließen sie auf Rang sechs zurückfallen. Dahinter folgte Lora Hristova. Die Bulgarin hatte wenige Monate zuvor mit Olympia-Bronze im Einzel für eine der großen Überraschungen von Antholz gesorgt. Für Vorjahressiegerin Lotte Lie gab es dagegen kein Happy End. Im Vorjahr hatte die Belgierin nach einem Herzschlagfinale noch in Dresden gejubelt, diesmal blieb ihr nur Rang acht. Eine Position dahinter fand sich Vanessa Voigt wieder. Sechs Fehler am Schießstand warfen die Deutsche bis auf Platz neun zurück. Regina Ermits aus Estland komplettierte das Feld. Die Siegerin Vobornikova meinte nach dem Rennen: „Es war gut und ich bin glücklich. Das war mein erstes Einladungsrennen und ich bin sehr froh, dass es so gut gelaufen ist. Ich hatte eine gute Vorbereitung, war nicht krank. Ich muss derzeit nur viel lernen, weil ich mein Masterstudium in zwei Wochen beende. Jetzt hoffe ich, dass ich gut in die Saison starte, den Biathlon genießen kann und glücklich bin. In der vergangenen Saison habe ich viel mehr von mir erwartet.“
Heute Nachwuchs, morgen Weltspitze
Bei der Sparkassen Youngster Team Challenge rückten die Talente in den Mittelpunkt. Nach der Austragung 2024 kehrte das internationale Nachwuchsrennen nun zurück. Dass sich hier durchaus die Weltklasse von morgen zeigen kann, beweist die Vergangenheit: Martin Fourcade, Lisa Vittozzi, Tarjei Bø und Dorothea Wierer starteten einst selbst bei dem Wettbewerb. Dieses Mal traten 18 Nachwuchsathleten aus Deutschland und den Nachbarländern im Mixed-Rennen an. Den Sieg sicherte sich das deutsche Duo Melina Gaupp und Lukas Tannheimer. Beide kamen 2025 von der Jugend-WM in Östersund mit Gold nach Hause. Auf Rang zwei folgten mit Lena Siegmund und Hannes Lipfert ebenfalls zwei Hoffnungsträger des Deutschen Skiverbandes. Platz drei ging an Zusanna Sadownik und Jakub Potoniec aus Polen.
Para-Biathlon: Wenn Vertrauen die Richtung vorgibt
Am Schießstand zählt ein ruhiger Puls. Für sehbehinderte Athletinnen und Athleten kommt im Para- Biathlon das Gehör hinzu. Sie visieren die Scheiben nicht mit den Augen an, sondern orientieren sich an akustischen Signalen. Auf der Strecke wiederum bilden sie mit ihrem Guide ein eingespieltes Gespann. Der Para-Biathlon gehörte bei dieser Auflage weiterhin zum Programm. Den Sieg holten sich die Deutschen Leonie Walter mit ihrem Guide Emil Schmidt sowie Lennart Volkert mit seinem Guide Matteo Lewe. Rang zwei belegten Johanna Recktenwald mit ihrem Guide Emily Weiss und Marco Maier. Das tschechische Doppel Carina Edlingerova mit ihrem Guide Alexandr Patava sowie Karl Tabouret wurden Dritte.
Von der Schulklasse bis zur Weltklasse
Für eine Premiere der besonders vergnüglichen Art sorgte das Maskottchen-Rennen. Hier gingen die plüschigen Vertreter verschiedener Dresdner Sportvereine unter anderem mit „Skitty“ vom Deutschen Skiverband, „Fritzi“ vom ZDF und Schneemann „Flocke“ aus Oberhof an den Start. Dabei zählte nicht die schnellste Zeit, sondern vor allem der Spaß – und davon gab es reichlich. Nur wenige Meter entfernt pulsierte das Biathlondorf vor dem Marathontor des Stadions. Regionale Vereine luden zu Mitmachaktionen ein, Partner präsentierten sich und zahlreiche Stände sorgten für Essen und Getränke. Dass der Innenstadt-Wettkampf längst weit über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen wird, zeigte der Blick ins Fernsehprogramm. Das ZDF übertrug die beiden Hauptrennen erneut live. Eine bemerkenswerte Bühne für eine Sportart, deren große TV-Zeit normalerweise beginnt, wenn andernorts die ersten Schneeflocken fallen. Dabei hatte Dresden schon vor dem Sonntag reichlich Biathlon erlebt. Mehr als 600 Grundschulkinder machten bei den Sparkassen Schulsporttagen erste Erfahrungen mit Laserschießen, Skimatte und Inliner-Parcours. Olympiasieger Michael Rösch stand ihnen mit Tipps zur Seite. Am Samstag folgten die 4initia Sachsenmeisterschaften des Skiverbandes Sachsen, ehe am Abend die Top-Athleten bei der großen Präsentation vor der Frauenkirche ihren Fans ganz ohne Startnummer und Zeitdruck begegneten. So führte das Programm über vier Tage vom ersten Ausprobieren bis zum internationalen Spitzensport. Für Ralf Niedermeier ist diese Entwicklung zugleich ein Zeichen dafür, dass der M4Energy City Biathlon seinen Platz in Dresden gefunden hat: „Ich glaube, wir hatten heute so viele Zuschauer an der Strecke wie noch nie. Es ist schön zu sehen, mit welcher Begeisterung die Menschen die Veranstaltung annehmen und welche Atmosphäre hier entsteht. Für uns ist das eine tolle Bestätigung und gleichzeitig der Ansporn, dieses besondere Format weiterzuentwickeln. Dresden und Biathlon – das passt einfach“, sagte der Geschäftsführer der ausrichtenden Agentur n plus sport.

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